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Die wahre Gefahr für unsere Gesellschaften ist vielleicht nicht der Hass. Es ist die Gleichgültigkeit.

Oft wird Liebe als Gegenpol zum Hass gesehen, als würden diese beiden Gefühle allein die Spannungen in unserer Gesellschaft zusammenfassen. Ich bin jedoch überzeugt, dass das größte Risiko woanders liegt: in der Gleichgültigkeit.

Junges Amazigh-Mädchen mit gelbem Kopftuch und einem Korb violetter Blumen im Aït-Bouguemez-Tal

Hass ist sichtbar. Er schockiert und provoziert Reaktionen. Gleichgültigkeit hingegen ist still. Sie schleicht sich ein, bis sie zur Norm wird. Und wenn eine Gesellschaft aufhört, sich von Ungerechtigkeit, Armut oder dem Leid anderer berühren zu lassen, beginnt sie zu zerfallen.

Diese Gleichgültigkeit nährt eine weitere Fehlentwicklung: die Mittelmäßigkeit. Wenn wir Exzellenz, den Austausch von Ideen oder kollektive Intelligenz nicht mehr wertschätzen, machen wir Platz für simplistische Diskurse, sterile Fronten und symbolische Gewalt. Soziale Netzwerke spiegeln dies oft wider: Polemik verbreitet sich dort schneller als Differenzierung, und Hass findet einen besonders fruchtbaren Boden.

Ich glaube zudem, dass es unmöglich ist, eine friedvolle Beziehung zu anderen aufzubauen, wenn wir ein konfliktreiches Verhältnis zu uns selbst pflegen. Eine Gesellschaft, die ständig an ihrem Wert zweifelt, sich abwertet oder sich pausenlos mit anderen vergleicht, verwandelt dieses Unbehagen letztlich in Ablehnung, Groll oder Aggressivität.

Es wäre jedoch zu einfach, von den Bürgern mehr Liebe oder Toleranz zu fordern, ohne ihre Lebensbedingungen zu hinterfragen. Eine friedvolle Gesellschaft lässt sich nicht auf tiefen Ungleichheiten, dem Gefühl des Verlassenseins oder dem Mangel an Perspektiven aufbauen. Soziale Gerechtigkeit ist kein bloßer Bonus: Sie ist die Voraussetzung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Schließlich glaube ich, dass wir den Begriff Liebe seiner politischen Bedeutung beraubt haben. Eine Gesellschaft zu lieben bedeutet nicht, die Augen vor ihren Fehlern zu verschließen. Es bedeutet, sie gerechter, würdevoller und menschlicher machen zu wollen. Liebe ist keine Resignation; sie ist eine Form des Widerstands gegen Zynismus, Gewalt und Gleichgültigkeit.

Die Frage ist also nicht nur, wie wir den Hass bekämpfen können.

Die eigentliche Frage lautet: Wie verhindern wir, dass Gleichgültigkeit zu unserer Art des Zusammenlebens wird?

Autor

Saïd Marghadi

Veröffentlicht am

29. Juli 2026

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