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XXL-Moscheen: Kann Glaube Entwicklung ersetzen?

Auf den ländlichen Märkten Marokkos ziehen Sammler mit einem Korb durch die Gänge und versprechen eine göttliche Belohnung für den Bau einer Moschee. Währenddessen bleiben nur wenige Meter entfernt verfallene Schulen und Dörfer ohne sanitäre Anlagen unbeachtet.

Zwei freiwillige Spendensammler in orangen Westen halten ein Spendenschild für den Bau einer Moschee auf einem ländlichen marokkanischen Markt.

Auf den ländlichen Märkten Marokkos ist die Szene so alltäglich geworden, dass sie niemanden mehr schockiert. Zwischen Gemüseständen, Gerstensäcken und fliegenden Händlern ziehen Männer mit einem Sammelkorb durch die Gänge.

Ihre Botschaft ist einfach, wirkungsvoll, fast unaufhaltsam: „Spendet für den Bau einer Moschee, Gott wird es euch vergelten.“

Und die Spenden fließen.

Ein paar Dirham, die eine alte Frau zusteckt, ein Schein, den ein verschuldeter Bauer gibt. Ein Beitrag von Familien, die sich kaum die Schulmaterialien für ihre Kinder leisten können…

Die Volksgroßzügigkeit in Marokko ist nach wie vor immens. Doch eine Frage lässt sich heute nicht mehr vermeiden: Warum richtet sich diese Großzügigkeit fast ausschließlich auf Religiöses, während die dringendsten Bedürfnisse unserer Regionen ignoriert werden?

Im Atlasgebirge ist der Kontrast drastisch geworden.

Man findet dort brandneue Moscheen, geräumig, gefliest, manchmal lokal luxuriös. Sie verfügen über fließendes Wasser, moderne Ausstattung, Warmwasser, makellose Teppiche. Einige gleichen fast Denkmälern in Dörfern, in denen alles andere die Unterentwicklung widerspiegelt.

Und doch sind sie oft leer.

Einige Reihen älterer Gläubiger besetzen Räume, die für Hunderte von Menschen konzipiert sind. Die Jugend hingegen hat das Dorf längst verlassen oder träumt einfach davon, es zu verlassen.

Nur wenige Meter von diesen Moscheen entfernt offenbart sich eine andere Realität, die in offiziellen Reden viel weniger sichtbar ist: verfallene Schulen, unpassierbare Straßen, Dörfer ohne sanitäre Anlagen, ohne Abfallwirtschaft.

In einigen Schulen unserer Berge lassen zerbrochene Fenster die eisige Winterkälte herein. Die Sanitäranlagen sind nicht vorhanden oder unhygienisch. Kinder legen täglich mehrere Kilometer zu Fuß zurück, um oft schlecht ausgestattete Schulen zu erreichen.

Währenddessen geht niemand über die Souks, um Spenden für die Reparatur einer Schule zu sammeln.

Niemand verspricht eine göttliche Belohnung, um ein Mädcheninternat zu finanzieren.

Niemand zieht durch die Dörfer, um Geld zu sammeln, um eine Bibliothek, ein Mülltrennsystem oder einen Krankenwagen einzurichten.

Warum?

Warum ist es uns gelungen, den Moscheebau zu einer nationalen Gemeinschaftsaufgabe zu machen, während Bildung, Gesundheit oder der Zugang zu Wasser weiterhin als zweitrangige Probleme wahrgenommen werden, die allein in die Zuständigkeit des Staates fallen?

Diese Frage beunruhigt, weil sie ein tief verwurzeltes Bild berührt: nämlich die Vorstellung, dass das Religiöse automatisch edler, verdienstvoller und dringlicher sei als das Soziale.

Doch welchen Sinn kann eine riesige Moschee in einem Dorf noch haben, in dem Kinder die Schule abbrechen? Wozu dient ein brandneues Minarett in einer Gemeinde, in der schwangere Frauen Dutzende von Kilometern zurücklegen müssen, um zu entbinden? Was ist ein schöner Waschraum wert, wenn den Bewohnern selbst warmes Wasser für ihre täglichen Bedürfnisse fehlt?

Das Problem ist nicht die Religion.

Das Problem sind unsere Prioritäten.

Denn die Religion trennt in ihrem tiefsten Wesen den Glauben nicht von der menschlichen Würde. Sie schätzt Wissen, soziale Gerechtigkeit, Solidarität und den Schutz der Schwächsten. Frömmigkeit auf die Anhäufung religiöser Gebäude zu reduzieren und gleichzeitig die tägliche Demütigung ganzer Bevölkerungsgruppen zu akzeptieren, ist ein großer moralischer Widerspruch.

Marokko hat heute mehrere Tausend Moscheen, ein sehr großer Teil davon in ländlichen Gebieten. In einigen abgelegenen Dörfern gibt es inzwischen mehr Moscheen als tatsächlich funktionierende Bildungs- oder Kulturstätten.

Diese Realität sollte uns kollektiv zum Nachdenken anregen.

Denn wahre Entwicklung misst sich weder an der Anzahl der Minarette noch an der Lautstärke der Lautsprecher. Sie misst sich an der Lebensqualität der Bewohner, am Bildungsniveau der Kinder, am Zugang zu Gesundheitsversorgung, Straßen, Wasser, an der Würde.

In den Bergen erwarten Familien nicht nur Orte zum Beten. Sie erwarten Gründe, in ihren abgelegenen Gebieten zu bleiben. Sie erwarten Schulen, die ihren Kindern eine Zukunft bieten können. Sie erwarten würdige öffentliche Dienstleistungen. Sie erwarten, dass endlich in das Leben investiert wird, nicht nur in Symbole.

Es ist vielleicht an der Zeit, unser Verständnis von Solidarität zu überdenken.

Sich ein Marokko vorzustellen, in dem das Sammeln für ein soziales Projekt so selbstverständlich wäre wie das für eine Moschee.

Ein Marokko, in dem die Finanzierung eines Schultransports, das Pflanzen von Bäumen, der Schutz einer Wasserquelle oder die Ausstattung einer Krankenstation als ebenso edle Tat angesehen würde wie der Bau einer Kultstätte. Und das, ohne darauf zu warten, dass eine ausländische Organisation die Verantwortung dafür übernimmt.

An dem Tag, an dem dies geschieht, wird unsere Großzügigkeit aufhören, nur emotional oder symbolisch zu sein.

Sie wird endlich zu einem echten Hebel unserer eigenen Entwicklung werden.

Und vielleicht wird der Glaube an diesem Tag seinen menschlichsten Sinn wiederfinden.

Autor

Saïd Marghadi

Veröffentlicht am

12. Juni 2026

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